Freitag, 6. April 2018

„Zeitarbeiter weniger krank als andere Arbeitnehmer“



Na, sind Sie über die Überschrift gestolpert? Man hätte auch schreiben können „Krankenstand in der Zeitarbeit geringer als im Öffentlichen Dienst“, was eben so wahr ist. Leider liest man in der Berichterstattung eher andere Schlagzeilen. Der Krankenstand in der Zeitarbeit ist ein oft hitzig diskutiertes Thema. Der Weltgesundheitstag ist ein guter Anlass, den Krankenstand in der Zeitarbeit einmal kritisch in den Blick zu nehmen. Denn die in diesem Zusammenhang häufig zu hörenden einfachen Wahrheiten sind meist weder einfach, noch wahr. Und zudem widersprechen sie sich teilweise gegenseitig.

Doch blicken wir auf die Fakten. Zunächst einmal: Es gibt keine umfassende Untersuchung des Krankenstandes in der Zeitarbeit. Was es gibt sind verschiedene Erhebungen der Krankenkassen in Deutschland. Selbst die Bundesregierung bezieht sich in der Antwort auf eine Kleine Anfrage auf eine den Gesundheitsbericht der Techniker Krankenkasse – allerdings ohne noch weitere Erhebungen hinzuziehen. Das wäre aber wichtig gewesen, denn die Untersuchungen berücksichtigen jeweils nur die dort Versicherten – und damit nur einen Bruchteil der Arbeitsbevölkerung insgesamt. Und bereits bei dieser allgemeinen Betrachtung der Versicherten aller Beschäftigungsgruppen gibt es große Unterschiede bei den durchschnittlichen Krankheitstagen je Versicherungsjahr. Je nach Versicherung und damit verbundener Klientel schwanken diese zwischen 12,9 (DAK) und 19,4 Krankheitstagen (AOK). Über die Zahl des Anteils der Zeitarbeitnehmer unter den versicherten Beschäftigten schweigen sich die Untersuchungen weitestgehend aus. Soviel zur statistischen Ausgangslage.

Inhaltlich sind die Ergebnisse mit Blick auf die Zeitarbeit sehr diffus. Teilweise sind nur die Zahlen der internen Mitarbeiter nachvollziehbar (Barmer EK), findet eine gesonderte Auswertung der Zeitarbeit gar nicht statt (DAK), liegen die Krankheitstage der Zeitarbeitnehmer über denen der anderen Mitarbeitern (BKK, TK) oder aber darunter (AOK). Alles andere als eine einheitliche Nachrichtenlage jedenfalls. Das beklagt übrigens auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz in einer Untersuchung (Link: https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Fokus/Leiharbeit.html): „Die bisherige Studienlage kommt zu einem uneinheitlichen Bild hinsichtlich der gesundheitlichen Lage von Zeitarbeitnehmern.“ Sie verweist auf unterschiedlichste Studienergebnisse – bis hin zu dem Ergebnis, dass es keine Differenzen beim Gesundheitszustand zwischen Zeitarbeitnehmern und anderen Beschäftigten gebe.

Schaut man sich die Studien im Detail an, gibt es – neben der Zeitarbeit – auch andere Auffälligkeiten. Es besteht ein erkennbarer Zusammenhang zwischen Schulbildung und Krankenstand. Verkürzt kann man sagen: je weniger gebildet, desto länger und häufiger krank. Und es gibt den Zusammenhang zur Art der Tätigkeit (und eben nicht der Vertragsform): je körperlich anstrengender, desto eher und länger krank. Dass in der Zeitarbeit in einem größeren Maße als bei anderen Arbeiten Helfertätigkeiten vorkommen, die keine höhere Bildung erfordern und zumeist körperlich fordernd sind, muss daher mitberücksichtigt werden. Die Barmer EK schreibt in ihrer Untersuchung relativierend: „Ergebnisse zu Beschäftigten in Arbeitnehmerüberlassung weisen auf überdurchschnittliche gesundheitliche Beeinträchtigungen in dieser Gruppe von Arbeitnehmern hin. Zum Teil dürfte dies allerdings auch auf ein allgemein vergleichsweise belastendes Tätigkeitsspektrum von Arbeitnehmern in Leiharbeit und damit nicht ausschließlich auf den Leiharbeiter-Status an sich zurückzuführen sein.“

Spannend bleibt dann noch wie die AOK versucht das Ergebnis zu erklären, wonach bei ihr versicherte Zeitarbeitnehmer weniger häufig krank sind als andere Arbeitnehmer: Das liege vermutlich daran, dass sich die Zeitarbeitnehmer aufgrund ihrer ständigen Sorge vor Arbeitsplatzverlust nicht trauen würden sich krank zu melden. Das ist schon ein sehr kreativer Umgang mit statistischen Ergebnissen – und er wird im Zusammenspiel all dieser Untersuchungen nicht überzeugender.

Am Ende des Tages bleibt zurück, dass die Tätigkeit in der Zeitarbeit keine unerklärbaren Abweichungen vom allgemeinen Krankenstand vermuten lässt. Andere Branchen – unter anderem der Öffentliche Dienst – verfügen teilweise über deutlich längere Ausfallzeiten. Das geht in manchen Sonderauswertungen leider immer wieder unter. Eine differenzierte Darstellung ist nicht nur wünschenswert, sondern muss auch Grundaufgabe der Krankenkassen sein. Leider erfüllen sie diesen Anspruch mitunter kaum oder nur etwas. Wir werden weiter auf sie einwirken, damit eine differenzierte Betrachtung diesem komplexen Thema gerecht wird.


Die Ergebnisse der Krankenkassen im Einzelnen:

Barmer Ersatzkasse 
(Link: https://www.barmer.de/blob/133152/5c29df4899fdae75fcf58de20066bbc1/data/dl-gesundheitsreport-2017.pdf)

Die Barmer berücksichtigt nach eigenen Angaben jahresdurchschnittlich 3,55 Millionen Erwerbspersonen, was rund 11 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Jahre 2016 ausmacht. Bei der Betrachtung in der Systematik nach Klassifikationen der Berufsgruppen (KldB) taucht hier die Zeitarbeit mit der KldB 7152 auf. Diese Klasse umfasst jedoch ausschließlich das interne Personal der Zeitarbeitsunternehmen. Hier liegt der Wert der durchschnittlichen Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) bei 18,03 und damit unterhalb des Durchschnitts aller Barmer-Versicherten, der bei 18,84 Tagen liegt.

Dennoch werden in der Untersuchung auch Ergebnisse zu Mitarbeitern in der Arbeitnehmerüberlassung ausgeworfen, die statistisch nicht nachvollzogen werden können. Im Fazit des entsprechenden Abschnitts heißt es: „Ergebnisse zu Beschäftigten in Arbeitnehmerüberlassung weisen auf überdurchschnittliche gesundheitliche Beeinträchtigungen in dieser Gruppe von Arbeitnehmern hin. Zum Teil dürfte dies allerdings auch auf ein allgemein vergleichsweise belastendes Tätigkeitsspektrum von Arbeitnehmern in Leiharbeit und damit nicht ausschließlich auf den Leiharbeiter-Status an sich zurückzuführen sein.“ – Das stützt die iGZ-These, dass durch den hohen Helferanteil in der Zeitarbeit ein einfacher Vergleich mit anderen Branchen, die ihrerseits in der Regel eine erheblich geringere Helferquote aufweisen, nicht zulässig ist.


BKK (Link: https://www.bkk-dachverband.de/publikationen/bkk-gesundheitsreport/)

Der BKK Dachverband hat nach eigenen Angaben die Daten von 4,87 Millionen Versicherten ausgewertet, was einem Anteil von 13,2 Prozent aller gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland entspricht. Im Schnitt kommt der BKK Dachverband auf eine Zahl von 18,1 Krankheitstagen je Versichertenjahr. Die Mitarbeiter in der Zeitarbeit liegen hier mit 20,1 über dem Durchschnitt. Allerdings räumt auch der BKK Dachverband ein, dass es hierfür nachvollziehbare Gründe gibt, denn „Beschäftigte in körperlich belastenden Tätigkeiten führen besonders zu hohen Fehlzeiten aufgrund von Muskel- und Skelett-Erkrankungen“. Zudem wird ein expliziter Zusammenhang der Krankheitstage mit der Schulbildung hergestellt.

Insofern wäre auch hier aufgrund des hohen Helferanteils in der Zeitarbeit ein Vergleich mit ähnlich strukturierten Branchen angezeigt. Das Ergebnis einer solchen Betrachtung lässt aufhorchen: Zwar liegt die Zeitarbeit mit einem Wert von 20,1 Krankheitstagen über dem Durchschnitt aller BKK-Versicherten. Vergleicht man sie aber mit Branchen, in denen ebenfalls körperlich belastende Tätigkeiten ausgeführt werden müssen, relativiert sich dieser Wert sehr schnell: Die Branchen Postdienste (30,6), Abfallbeseitigung (26,0), Verkehr (23,7) oder Metallerzeugung und -bearbeitung (22,3) liegen in der unstandardisierten Betrachtung teilweise signifikant höher. Interessantes Ergebnis auch hier: Die Krankheitstage im Öffentlichen Dienst (21,0) sind höher als in der Zeitarbeit (20,1).

DAK
(Link: https://www.dak.de/dak/download/gesundheitsreport-2017-1885298.pdf)

Die DAK analysiert für ihren Gesundheitsreport 2,6 Millionen Mitglieder, die im Durchschnitt auf 12,9 AU-Tage je Versicherungsjahr kommen. Hier taucht Zeitarbeit nicht explizit auf. Erfasst sein müsste sie unter der Wirtschaftsgruppe „sonstige Dienstleistungen“. Diese liegt mit 3,7 Prozent unter dem DAK-Durchschnitt von 3,9 Prozent. Wie groß hier aber der tatsächliche Anteil der Zeitarbeit ist bleibt offen.


Techniker Krankenkasse (TK) 
(Link: https://www.tk.de/centaurus/servlet/contentblob/942842/Datei/69654/Gesundheitsreport-2017-Arbeitsunfaehigkeit.pdf)

Die TK analysiert 7,3 Millionen direkt versicherte Erwerbspersonen. Für diese wird eine durchschnittliche AU-Dauer von 15,2 Tagen pro Versicherungsjahr ausgewiesen. Interessant ist hier die Aufschlüsselung nach Schulabschluss. Es gilt hier: je weniger qualifiziert desto länger krank. Männer ohne Schulabschluss (20,0 AU-Tage) bzw. mit Hauptschulabschluss (20,5) und Frauen ohne Schulabschluss (23,5) bzw. mit Hauptschulabschluss (22,3) weichen deutlich vom Durchschnittswert (15,2) ab. Erst ab (Fach-)Abitur wird der Durchschnittswert unterschritten.

Zeitarbeiter in Deutschland waren im vergangenen Jahr durchschnittlich 20,3 Tage und damit 5,6 Tage mehr krankgeschrieben als die Beschäftigten der übrigen Branchen mit 14,7 Tagen. Vor allem von psychischen Erkrankungen (3,4 in der Zeitarbeit zu 2,4 Tagen bundesweit) und Muskel-Skelett-Erkrankungen (4,5 zu 2,8 Tagen) sind Zeitarbeiter überdurchschnittlich betroffen, so die TK. Die AU-Tage der Zeitarbeitnehmer entsprechen im Wesentlichen dem Wert der in der TK Versicherten mit Hauptschulabsolventen und ohne Schulabschluss.

Branchen, die schlechter abschneiden als die Zeitarbeit, sind Kunststoffherstellung und -verarbeitung, Holzbe- und -verarbeitung (23,0), Metallerzeugung und -bearbeitung, Metallbauberufe (22,1), Lebensmittelherstellung und -verarbeitung (20,3), (Innen-)Ausbauberufe (21,0), Verkehrs- und Logistikberufe (22,0), Führer von Fahrzeugen und Transportgeräten (25,5), Sicherheits- und Überwachungsberufe (21,1), Reinigungsberufe (21,3).


AOK 
(Link: http://aok-bv.de/imperia/md/aokbv/presse/pressemitteilungen/archiv/2017/03_pressemeldung_pk_fehlzeiten_report_2017web.pdf)

Der Fehlzeitenreport der AOK geht auf eine Umfrage unter 2.000 AOK-Versicherten und einer Auswertung der Versichertendaten zurück. Hier werden durchschnittlich 19,4 AU-Tage je Versichertenjahr ausgewiesen. Beim Blick auf die Zeitarbeit kommt der Bericht zu dem Ergebnis, dass weniger Zeitarbeitsbeschäftigte krankgeschrieben werden als Beschäftigte ohne Zeitarbeitsverhältnis (45,6 zu 55,0 Prozent), auch die Anzahl der Fehltage pro Fall ist bei Zeitarbeitnehmern kürzer (Zeitarbeitnehmer: 8,9 Tage zu Nicht-Zeitarbeitnehmer: 11,8 Tage).

Den naheliegenden Schluss, dass Zeitarbeitsnehmer insofern weniger krank sind als Nicht-Zeitarbeitnehmer, lässt die AOK jedoch nicht gelten. Stattdessen heißt es dort: „Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen könnte sein, dass Zeitarbeiter eher bereit sind, krank zur Arbeit zu gehen, um die Chancen einer Weiterbeschäftigung nicht zu gefährden.“



Über den Autor: 

Marcel Speker ist studierter Politikwissenschaftler und ausgebildeter Redakteur. Er verfügt über Erfahrungen als Journalist und Autor. Als Pressesprecher war er im politischen und arbeitgeberverbandlichen Umfeld, u.a. beim Spitzenverband der rheinland-pfälzischen Wirtschaft (LVU) und dem Verband der Pfälzischen Metall und Elektroindustrie tätig. Seit 2012 leitet er die Kommunikationsabteilung beim iGZ und ist dort zuständig für die Referate Presse, Veranstaltungen und Verbandsmarketing. Ebenfalls seit 2012 vertritt er den iGZ im Beirat des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln). Von 2013 bis 2018 ist er Lehrbeauftragter an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und lehrt dort zum Themenkomplex der Arbeitsmarktpolitik. Beim iGZ übernahm er 2016 zusätzlich die Zuständigkeit für das neu gegründete Referat Arbeitsmarktpolitik.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen