Mittwoch, 9. August 2017

Deutschlandfunk pflegt Vorurteile zur Zeitarbeit und wischt Gegenargumente jovial vom Tisch


Sina Fröhndrich kommentierte heute im Deutschlandfunk aktuelle Zahlen zur Zeitarbeit unter der Überschrift "Die hässliche Fratze der Sharing Economy". Leider ohne zuvor einmal Kontakt mit dem iGZ aufgenommen zu haben, um ihre Vorurteile mit unseren Argumenten abzugleichen. Daher haben wir sie angeschrieben, um ihr zumindest die Chance zu geben, ihre Meinung im Lichte für sie vielleicht neuer Aspekte doch noch einmal kritisch zu hinterfragen.


Liebe Frau Fröhndrich,

Sie sind der Meinung, Zeitarbeit gehöre abgeschafft, denn Zeitarbeitnehmer „wechseln den Arbeitgeber wie andere ihre Zahnbürste“, Zeitarbeit „schafft eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in einem Unternehmen“ und „gleiches Gehalt für gleiche Arbeit – das gibt es erst nach neun Monaten“. Und so schließen Sie: „So ein Job macht nicht glücklich, im Gegenteil: Er frustriert und macht krank“.

Man hörte diese Vorwürfe früher immer mal wieder, wenn es klassenkämpferisch hoch her ging von Gewerkschaftsseite. In den letzten Jahren jedoch immer weniger, weil auch die Gewerkschaften anerkennen, dass sich in der Zeitarbeitsbranche viel verändert hat. Wenn nun der öffentlich-rechtliche Rundfunk durch Sie, Frau Fröhndrich, dieses Lied nachsingt, dann ist das traurig – und nicht die Tatsache, wie Sie formulieren, „dass ausgerechnet Deutschland, das Land der erfolgreichen Exporteure, sich fast eine Million Leiharbeiter leistet“.

Die Gegenargumente wischen Sie jovial vom Tisch. Diese ließen sich nicht belegen, schreiben Sie. Das ist falsch. Und leider haben Sie nicht im Vorfeld der Berichterstattung Kontakt zum Beispiel mit uns, dem mitgliederstärksten Arbeitgeberverband der deutschen Zeitarbeitsbranche, aufgenommen, um Ihre Vorurteile einmal mit unseren Argumenten abzuwägen. Mir ist klar, dass ein Kommentar nicht ausgewogen sein muss – er stellt Ihre Meinung dar. Aber wenn Ihre Meinung so apodiktisch fest steht und Fakten ausblendet, dann frage ich mich schon, wie Sie als Journalistin in der Abteilung „Wirtschaft und Gesellschaft“ über das Thema Zeitarbeit in Zukunft überhaupt noch fair und neutral berichten wollen.

Da wir vor Ihrer Veröffentlichung unsere Argumente nicht einbringen durften, lassen Sie es mich wenigstens nachträglich tun.

Sie schreiben: „Leiharbeit sei eine Brücke in eine reguläre Beschäftigung, argumentieren Befürworter - nur lässt sich das kaum belegen. Viele neue Leiharbeiter kommen aus dem ersten Arbeitsmarkt, sie hatten also eine reguläre Beschäftigung und waren nur kurz arbeitslos. Die Leiharbeit ist also keine Brücke für Langzeitarbeitslose, sie ist eine Falle für oftmals gut Qualifizierte.“

Fakt ist: Zwei Drittel aller Zeitarbeitnehmer waren nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zuvor ohne Job. 40 % aller beendeten Beschäftigungsverhältnisse in der Zeitarbeit wurden nach Untersuchung des Instituts für Soziale Innovation (SI) in unserem Auftrag deswegen beendet, weil der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin vom Einsatzbetrieb übernommen wurde. Diese Integrationsfunktion ist belegbar. Gut Qualifizierte haben übrigens in der aktuellen Nachfragesituation auf dem Arbeitsmarkt kein Problem einen Job zu finden – auch außerhalb der Zeitarbeit, wenn ihnen das lieber ist.

Sie schreiben: „Leiharbeitnehmer wechseln den Arbeitgeber wie andere ihre Zahnbürste. Jeder zweite Leiharbeiter bleibt nicht länger als drei Monate bei einem Unternehmen. Ein Albtraum für einen Beschäftigten.“

Fakt ist: Zeitarbeitnehmer wechseln nicht ihren Arbeitgeber, sondern unter Umständen den Einsatzbetrieb. Viele tun das gerne, weil sie die Abwechslung schätzen. Oder weil sie damit anderen Belastungssituationen bei Arbeitgebern außerhalb der Zeitarbeit entgehen – wie zum Beispiel aktuell verstärkt in der Pflege. Davon findet sich aber kein Wort bei Ihnen. Und wenn man Ihrer Albtraum-Schlussfolgerung folgen würde, dann müsste jeder Maler oder Klempner ebenfalls vor Albträumen nicht in den Schlaf kommen – die wechseln ihre Einsatzorte teilweise sogar mehrmals am Tag. Und da Sie weiter unten im Text beklagen, dass die IG Metall es zulässt, dass Einsätze bis zu vier Jahre möglich sein sollen, möchte ich Sie doch gerne bitten sich einmal zu entscheiden, was genau Sie skandalisieren wollen: kurze oder lange Einsätze? – Oder was ist aus Ihrer (persönlichen?) Meinung eine passende Einsatzdauer?

Sie schreiben: „Sicher, seit diesem Frühjahr ist die Arbeitszeit für Leiharbeiter begrenzt - auf 18 Monate. Danach müssen sie übernommen werden oder gehen. Aber kaum beschlossen, vereinbart die Metallbranche eine Ausnahmeregel. Mit dem Segen der IG Metall dürfen Leiharbeiter bis zu vier Jahre lang beschäftigt werden. Konsequent im Sinne der Beschäftigten ist das nicht.“

Fakt ist: Es gibt viele gute Gründe, wieso ein Zeitarbeitseinsatz länger als 18 Monate dauern sollte. Das erkennt sogar die IG Metall an. Was nicht konsequent im Sinne der Beschäftigten ist, ist die Tatsache, dass die Zeitarbeitnehmer nach neun Monaten mit vergleichbaren Mitarbeitern von der Bezahlung her gleichgestellt werden (natürlich nur nach oben, nicht nach unten!), aber nach weiteren neun Monaten den Einsatz gesetzlich erzwungen wieder verlassen müssen und dann natürlich auch die entsprechenden Zulagen wieder verlieren. Was glauben Sie, Frau Fröhndrich, wie die Mitarbeiter das wohl finden?

Sie schreiben: „Es gibt keine Sicherheit, keine Wertschätzung, und er ist der erste der gehen muss, wenn es schlecht läuft. Zuletzt gesehen bei Volkswagen. Die Leiharbeit schafft eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in einem Unternehmen.“

Fakt ist: Ist der Einsatz beendet, sucht das Zeitarbeitsunternehmen einen neuen Einsatz für den Mitarbeiter. Damit hat der Zeitarbeitnehmer eine höhere Arbeitsplatzsicherheit, als wenn er nur auf einen (zuvor bekanntermaßen übergangsweise benötigten) Arbeitsplatz eingesetzt wird. Und für den Fall, dass sich ein Unternehmen tatsächlich einmal nicht an die Regeln halten sollte, gibt es eine vom Arbeitgeberverband iGZ eingerichtete aber unabhängige Kontakt- und Schlichtungsstelle, an die sich Mitarbeiter kostenlos wenden können. Dort wird ihnen geholfen und von dort aus können Sanktionen bis hin zum Verbandsausschluss erhoben werden. Weil es die Branche ernst meint damit, Fehlverhalten in den eigenen Reihen nicht zu dulden.

Abschließend darf ich noch darauf hinweisen: In der Zeitarbeit arbeiten Menschen. Auf Arbeitgeberseite auch viele, die sich mit hohem Engagement für ihre Mitarbeiter einsetzen, sich um Personen kümmern, die sonst niemand in den Arbeitsmarkt integrieren mag. Das sind nicht selten auch Menschen, die neu lernen müssen ihren Alltag zu organisieren, die an regelmäßige Abläufe herangeführt werden müssen, die geweckt und zur Arbeit gebracht werden müssen. Welcher andere Arbeitgeber macht denn sowas? Diese begleitende Integrationsleistung führt übrigens auch keine Arbeitsagentur durch. Viele Unternehmer berichten uns, dass sie die Hälfte ihrer Arbeitszeit damit zubringen, als Sozialarbeiter, Schuldner- und Eheberater für ihre Mitarbeiter zu fungieren, weil diese ihre Probleme nicht alleine in den Griff bekommen, was sie sie davon abhält, arbeiten zu gehen und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Wenn Sie diese Menschen – und auch die Mitarbeiter in der Zeitarbeit, die sich auch bewusst dafür entschieden haben – mit abwertenden Kampfbegriffen wie „hässliche Fratze“ belegen, dann ist das völlig unangemessen. Und wenn Sie schon eine ganze Branche verbieten wollen – wieso dann ausgerechnet die, von der Daniela Kolbe (SPD) sagt, sie leiste Pionierarbeit bei der Integration von Flüchtlingen in Beschäftigung? Auch dieser Punkt findet von Ihnen leider keine Berücksichtigung.

Liebe Frau Fröhndrich, ich lade Sie herzlich ein: Schauen Sie sich ein oder mehrere Zeitarbeitsunternehmen einmal vor Ort an. Und diskutieren Sie mit den Unternehmern. Ich bin mir sicher, Sie werden ein differenzierteres Bild über die Zeitarbeitsbranche bekommen. Gerne vermittele ich Ihnen einen solchen Unternehmensbesuch. Und gerne stehe auch ich Ihnen für weitere Informationen oder Nachfragen zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen


Marcel Speker


Der Autor: Marcel Speker ist Leiter Kommunikation und Arbeitsmarktpolitik beim Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (iGZ). Sie erreichen ihn unter: speker@ig-zeitarbeit.de

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen