Montag, 21. September 2015

Qualität und Quantität der Arbeit in der Zukunft


Die iGZ-Messestandbesatzung
auf der Zukunft Personal hatte auch
die Zukunft der Branche fest im Blick.
Die Zukunft Personal, nach eigenen Angaben Europas größte Fachmesse für Personalmanagement, wurde in diesem Jahr ihrem Titel in besonderer Weise gerecht. Denn Zukunftsthemen standen an den drei Messetagen in Köln tatsächlich ganz besonders im Fokus. Dabei wurde das Thema der Digitalisierung zwar auch, aber nicht im Schwerpunkt produktionslastig verstanden. Vielmehr wurden viele Ansätze beleuchtet, die die Digitalisierung im Personaler-Alltag zum Thema hatten. Dieser reine B2B-Aspekt wurde jedoch an vielen Stellen auch unterbrochen von den Fragen der Qualität und Quantität der Arbeit in der Zukunft.

Beispielhaft deutlich wird dies an der Initiative neue Qualität der Arbeit (INQA). Diese Initiative für Arbeitgeber und Beschäftigte war mit einem eigenen, großen Stand auf der Messe vertreten. Partner von INQA sind unter anderem das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, die BDA und der DGB. Auch der iGZ beteiligt sich und nimmt mit der Bundesgeschäftsstelle – quasi in konkreter Arbeitgeberfunktion – an der Auditierung teil. Dabei geht es darum, unternehmerisches Handeln in den Bereichen Personalführung, Chancengleichheit & Diversity, Gesundheit sowie Wissen & Kompetenz zu analysieren und durch entsprechende Maßnahmen bedarfsgerecht zu verbessern und weiter zu entwickeln. Der iGZ konnte auf der Messe seine INQA-Einstiegsurkunde im Rahmen einer Präsentation entgegen nehmen.

Doch nicht nur die inhouse-Optimierung war für den iGZ ein Thema auf der Messe. Denn für Zeitarbeitsunternehmen ist es von elementarer Bedeutung ein Bild davon zu bekommen, ob und –wenn ja – wie sich die Bedürfnisse der Einsatzunternehmen verändern werden. Einzig klar ist bereits, dass wir uns mit dem Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials als Tatsache werden arrangieren müssen. Ob die Lücke im Jahre 2030 wirklich bei 6,5 Millionen liegen wird und ob es noch gelingt diese Lücke zu verkleinern, wird sich zeigen. Die Produktivität jedenfalls – Stichwort: Industrie 4.0 – wird an dieser Stelle wohl nicht flankierend helfen. Denn die Erfahrungen der Vergangenheit zeigt, dass Produktivitätssprünge noch nie zu einem signifikanten Rückgang der Arbeitskräftenachfrage geführt haben.


Und so bleibt es eine Herausforderung für die Branche insgesamt, nicht nur als Arbeitgeber so attraktiv zu erscheinen, dass die Mitarbeiter sich letztendlich für das eigene Unternehmen entscheiden, sondern auch tatsächlich als Arbeitgeber dauerhaft so attraktiv zu sein, dass sie auch Mitarbeiter bleiben. Der Wechsel von Mitarbeitern – sei es aktiv abgeworben oder aus eigenem Antrieb gegangen – wird aktuell immer häufiger beobachtet. Gleichzeitig werden die Flexibilitätsansprüche der Einsatzunternehmen steigen. Und in dem Zuge gewinnen auch die Bewerber an Selbstbewusstsein und fordern für sich ebenfalls flexible Arbeitszeitmodelle ein. Die Wirtschaft gerät also in eine Flexibilitätszange – und es ist die Chance für Personaldienstleister und Zeitarbeitsunternehmen hier als Berater Lösungsoptionen zu eröffnen.


Die Schlussthese meines Vortrags auf der Zukunft Personal lautet also: "Personaldienstleister müssen Berater ihrer Kunden auf Augenhöhe werden“. Und dieser Aufruf wendet sich an Personaldienstleister wie Einsatzunternehmen gleichermaßen. Denn einerseits müssen sich die Zeitarbeitsunternehmen als „Flexibilitäts-Consulter“ verstehen. Andererseits müssen die Personalabteilungen der Einsatzbetriebe aber auch anerkennen, dass bei den Personaldienstleistern entsprechende Kompetenzen und Expertisen vorhanden sind.

Der Autor:


Marcel Speker ist Kommunikationsleiter des Interessenverbandes Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (iGZ). Sie erreichen ihn unter
speker@ig-zeitarbeit.de.

Dienstag, 8. September 2015

Integration von Flüchtlingen: Zeitarbeitsverbot fällt!

Nun sollen Flüchtlinge auch in der Zeitarbeit arbeiten dürfen! Der Koalitionsausschuss hat am 6. September 2015 beschlossen, das Zeitarbeitsverbot für Asylbewerber und Geduldete abzuschaffen. Der Flüchtlingsstrom hat erreicht, was jahrelange sachliche Argumentation nicht vermochte: Es ist Bewegung in die Frage der Aufhebung des Zeitarbeitsverbots für Drittstaatsangehörige (§ 40 Aufenthaltsgesetz) gekommen.


Bei zahlreichen Gelegenheiten hatten der iGZ und andere Arbeitgeberverbände in den letzten Jahren die Abschaffung des Zeitarbeitsverbots für Ausländer gefordert. Dass ausgerechnet jetzt die Vorbehalte gegen eine Beschäftigung von Ausländern als Zeitarbeitnehmer aufgegeben werden, ist freilich nicht überraschend. Der Druck auf die Politik ist hoch, dem Flüchtlingsproblem Herr zu werden und zur Bewältigung der gewaltigen Herausforderungen alle gesellschaftlichen Gruppen und Wirtschaftsbranchen ins Boot zu holen. Angesichts der großen Herausforderungen kann es sich Deutschland nicht mehr leisten, die enormen Potenziale der Zeitarbeit in Sachen Arbeitsmarktintegration „besonderer Bewerbergruppen am Arbeitsmarkt“ wie Arbeitslosen brach liegen zu lassen.
Der Wortlaut des Koalitionsbeschlusses vom 6. September 2015 unter III. Nr. 5 „Integration verbessern“ könnte dafür sprechen, dass das Zeitarbeitsverbot tatsächlich nur für Asylbewerber und Geduldete entfallen soll und nicht für sämtliche drittstaatsangehörigen Ausländer. Das Verbot soll drei Monate nach der Einreise fallen. Zudem soll es mehr Geld für die Eingliederung am Arbeitsmarkt und Sprachförderung geben. Was bedeutet die Aufhebung des Zeitarbeitsverbots für die Zeitarbeitsbranche?

Flüchtlinge erhalten, sobald sie einen Antrag auf Asyl gestellt haben, innerhalb von drei Tagen eine Bescheinigung über die Aufenthaltsgestattung (§ 63 Asylverfahrensgesetz). Falls der Asylantrag abgelehnt wird, der Flüchtling jedoch bis auf weiteres nicht abgeschoben werden darf, so erhält er eine Duldung (§ 60a Aufenthaltsgesetz). Ausländern, die eine Duldung besitzen, kann bisher drei Monate nach der Einreise eine Beschäftigung erlaubt werden (§ 32 Absatz 1 Beschäftigungsverordnung). Für Personen mit Aufenthaltsgestattung (Asylbewerber) gibt es eine gleichgeartete Regelung in § 61 Absatz 2 Asylverfahrensgesetz. Anders als bisher soll künftig auch eine Tätigkeit als Zeitarbeitnehmer erlaubt sein.

Wie viele Personen diese Gesetzesänderung betrifft, ist schwer zu sagen. Betroffen sind jedenfalls alle Personen, deren Asylanträge drei Monate nach der Einreise noch nicht bearbeitet worden sind. Je nach Bundesland schwankt die Bearbeitungsdauer erheblich und beträgt teilweise über sieben Monate. Die Bearbeitungszeit hängt freilich stark einerseits von der Zahl der Asylbewerber und andererseits von den personellen Kapazitäten in den zuständigen Behörden der einzelnen Bundesländer ab.

Weiterhin erfasst die geplante Gesetzesänderung alle geduldeten Personen. Im Jahre 2014 hatten mehr als zwei Drittel aller abgelehnten Asylbewerber eine Duldung. Im Jahre 2014 stellten über 200.000 Menschen einen Asylantrag in Deutschland. Diese Zahl könnte sich 2015 verdoppeln, so dass  man sich vorstellen kann wie groß diese Gruppe potentieller Arbeitskräfte sein könnte. Duldungen bestehen zudem oft über Jahre.


Die Anerkennungsquote für Asylbewerber aus dem Westbalkan ist sehr gering. Oftmals wird bei dieser Personengruppe auch keine Duldung in Betracht kommen. Da faktisch jedoch die wenigsten abgelehnten Asylbewerber abgeschoben werden, stellt sich die Frage, ob man Drittstaatsangehörigen die legale Arbeitsmigration erleichtert. Die Beschlüsse des Koalitionsausschusses vom 6.9.2015 sehen solche „Alternativen zum Asylweg“ unter dem Punkt III. 6. vor.

Es ist allerdings derzeit fraglich, ob das Zeitarbeitsverbot auch für solche Ausländer fallen wird, die zum Zwecke der Erwerbstätigkeit und nicht aus Asylgründen nach Deutschland kommen. Im Prinzip gibt es keinen Grund, Flüchtlingen die Beschäftigung in Zeitarbeit zu erlauben, das Verbot jedoch für Drittstaatsangehörige, die aus Gründen der Arbeitsmigration nach Deutschland kommen, aufrecht zu erhalten.


Für Asylberechtigte, also Personen, deren Asylantrag positiv beschieden wurde, gilt das Zeitarbeitsverbot im Übrigen ohnehin nicht: Gemäß § 25 Aufenthaltsgesetz Absatz 1 sind unanfechtbar Asylberechtigte uneingeschränkt erwerbsberechtigt, dürfen also auch als Zeitarbeitnehmer arbeiten.

Welche weiteren Voraussetzungen wären im Falle der Einstellung eines Flüchtlings im Zeitarbeitsunternehmen zu erfüllen? Aus heutiger Sicht wäre jedenfalls die so genannte Lohnprüfung gemäß § 39, Abs. 2, Satz 1, 2. Halbsatz Aufenthaltsgesetz durchzuführen. Das heißt eine Zustimmung zur Beschäftigung wird seitens der Bundesagentur für Arbeit nur erteilt, wenn „der Ausländer nicht zu ungünstigeren Arbeitsbedingungen als vergleichbare deutsche Arbeitnehmer beschäftigt wird“. Für diese Prüfung muss der Arbeitgeber gegenüber der Agentur für Arbeit Angaben machen bezüglich der Arbeitszeit, der Entlohnung und der Arbeitsaufgabe.

Ob darüber hinaus auch noch eine Vorrangprüfung stattfinden muss, ist noch nicht eindeutig geklärt. Sollte die Vorrangprüfung entfallen (bisher ist das gemäß § 32 Absatz 5 Beschäftigungsverordnung erst nach 15 Monaten der Fall), so läge darin eine weitere wichtige Vereinfachung und Zeitersparnis bei der Beantragung der Zustimmung zu einer Beschäftigung als Zeitarbeitnehmer.

Die Abschaffung des Zeitarbeitsverbots steht selbstverständlich unter dem Vorbehalt der Zustimmung des Deutschen Bundestages. Die entsprechende Gesetzesänderung soll schon zum 1. November 2015 in Kraft treten. Nun gilt es nach vorne zu blicken und die Chancen, die die Aufhebung des Zeitarbeitsverbots bietet, zu nutzen. Hiervon können beide profitieren, die Flüchtlinge und die deutsche Wirtschaft.


Der Autor:

Stefan Sudmann ist Leiter des Referates Arbeits- und Tarifrecht im Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen. Sie erreichen ihn unter recht@ig-zeitarbeit.de.